Was ist Life-Coaching?

Eine fünfundfünfzigjährige Frau kommt in die Coaching-Sitzung. Sie beklagt sich darüber, dass ihr Leben etwas lau und ereignisarm verstreicht und sie sich unzufrieden fühlt. Zwar habe ich eine interessante Arbeit, einen liebevollen Partner, zwei erfolgreich studierende Kinder, Freizeitaktivitäten, die mir Freude machen und einen Freundeskreis, in dem ich mich aufgehoben fühle . Doch sie fügt an: Trotzdem habe ich das Gefühl, dass mein Leben ohne wirkliche Spannung verläuft . Im Gespräch stellt sich heraus, dass die Klientin eine Phase in ihrem Leben hatte, in der sie mit grosser Freude und Engagement ein Unternehmen geführt hat, das ihr genau das gegeben hat, was ihr heute fehlt: Abenteuer, Spannung, Offenheit, Gestaltungsmöglichkeit, Selbstverantwortung. Bei der Suche danach, was in ihr heute diese Empfindungen wieder wecken könnte, erinnert sie an einen schon lange gehegten Traum, ein längerer Sprachaufenthalt im Ausland. Beim Life-Coaching ist es sehr wichtig, den Klient(inn)en dabei zu helfen, starre Anschauungen und Überzeugungen zu überwinden. Im Beispiel hat sich die Klientin hinterfragt: Darf ich das einfach, nur weil ich es möchte? Ist das nicht lächerlich in meinem Alter?, Nehme ich mir da nicht etwas heraus? Mit der Klärung der zu unternehmenden Schritte geht die Beratung zu Ende, verbunden mit der Einladung, sich bei Bedarf wieder zu melden.

Life Coaching fokussiert auf die Lebensqualität, die Lebenszufriedenheit und -freude der Klient(innen). Im Mittelpunkt der Arbeit können dabei Fragen stehen wie: Lebe ich so, wie ich leben möchte? Habe ich erreicht, was ich mir erträumt habe? Gestalte ich meine Partnerschaft so, wie ich sie leben möchte?
Was möchte ich für den kommenden Lebensabschnitt erreichen? Möchte ich in meinem Leben noch einmal neu durchstarten? Will ich heiraten? Möchte ich Kinder?
Es geht also darum, Freiräume zu suchen, das Leben zu gestalten, sowie ungenutztes Potential auszuschöpfen.
Die Menschen in den modernen liberalen Gesellschaften haben eine grosse Freiheit der Lebensgestaltung erworben, die zwar grosse Chancen bietet, aber auch Orientierungslosigkeit auslösen kann. Denn die gewonnene Freiheit ist verbunden mit dem Verlust tradierter Gewissheiten darüber, wie ein gelingendes Leben zu führen sei. Viele verharren in traditionellen, familiär vermittelten Geisteshaltungen. Diese können zwar Sicherheit vermitteln, engen aber auch die Gestaltung der Lebensmöglichkeiten ein. Life-Coaching bietet hier Unterstützung an, nicht im Sinne von neuen
Vorgaben, sondern als Methode, die dem Coachee dabei hilft, seinen oder ihren individuellen Weg zu finden. Konkret heisst das, mit den Klient(inn)en Lebensziele zu erarbeiten und lösungsorientierte Möglichkeiten zu suchen, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Der Life-Coach, wie er von der Dr.-Petra-Bock-Akademie in Berlin ausgebildet wird, nimmt dabei die Rolle des Gesprächs- und Sparringspartners ein, der mit dem Klienten oder der Klientin auf Augenhöhe verkehrt.
Keine Psychotherapie light
Es geht im Life-Coaching nicht um die Bearbeitung von seelischen Defiziten, psychischen Problemen, Leidenszuständen, Ängsten oder Traumata. Personen mit akuten Wahrnehmungsstörungen, schweren Depressionen oder anderen psychiatrisch relevanten Störungen, oder auch Personen mit einer unzureichenden Fähigkeit zur sozialen und wirtschaftlichen Lebensbewältigung sind für das Life-Coaching eher nicht geeignet. In diesem Sinne unterscheidet sich das Life-Coaching von der Psychotherapie, die von Problemzuständen ausgeht. Life-Coaching ist auch nicht gleich Coaching, das stark auf die Bearbeitung beruflicher Konfliktsituationen fokussiert ist. Life-Coaching kann aber positive psychotherapeutische Effekte bewirken. Die Eröffnung von neuen Perspektiven, von Freiheitsräumen, die Erfahrung von bisher ungeahnten Gestaltungsmöglichkeiten, die Aufarbeitung und Überwindung von einengenden inneren Glaubenssätzen können einen immensen Entwicklungsschub auslösen, der durchaus vergleichbar ist mit Wirkungen der Psychotherapie. Methodisch kommen neben dem breiten Repertoire des Coachings auch Verfahren aus der Positiven Psychologie, dem NLP, der Transaktionsanalyse, der Lösungsorientierten Kurzberatung, der kognitiven Verhaltenstherapie und andere Richtungen zur Anwendung. Insofern besteht eine Nähe zur Psychotherapie, obwohl von der Stossrichtung her klare Unterschiede bestehen.
In welchen Lebenssituationen beanspruch Klient(inn)en Life-Coaching?
Manche empfinden Unzufriedenheit mit ihrer Lebenssituation, sei es in beruflicher oder privater Hinsicht. Andere sind in Übergangsphasen, welche die Frage nach dem Wie weiter? aufwerfen: das Ende einer Beziehung, der Ein- oder Wiedereinstieg ins Berufsleben, eine unfreiwillige berufliche Neuorientierung oder auch wenn Lebensentwürfe neu gestaltet werden müssen, sei es durch ungewollte Kinderlosigkeit, Krankheit oder Tod des Partners.
Das Rollenverständnis eines Life-Coaches oder einer Life-Coachin beruht auf den Maximen der Humanistischen Psychologie. Der Coachee wird als gleichberechtigter Partner angesehen, dem mit Echtheit, Empathie und dem Verständnis begegnet wird, dass er oder sie Experte ihres respektive seines Lebens ist. Der Coach bringt auf der Grundlage dieses Menschenbilds sein Fachwissen bezüglich der Anregung und Gestaltung von Entwicklungsprozessen ein, um den Coachee bei der Entfaltung seines oder ihres Anliegens zu begleiten und zu fördern. Coaching kann dabei als Arbeit mit dem inneren Erwachsenen definiert werden und ist in diesem Sinne ein erkenntnis- und zielorientierter, methodisch geführter Gesprächsprozess unter Erwachsenen auf Augenhöhe. Coach(innen) sollen nicht allwissend auftreten oder mütterliche respektive väterliche Ratschläge geben, sondern mit wertschätzender und respektvoller Haltung mit den Klient(inn)en arbeiten. Dies verbunden mit einem klar zutrauenden und zielorientiertes Blick. Ein gelingendes Coaching zeigt sich daran, dass der Coachee zu handeln beginnt. Themen der Vergangenheit spielen dabei nur insoweit eine Rolle, als sie als Muster für bisherige gelungene oder misslungene Strategien analysiert werden. Professionelles Life-Coaching braucht fundierte Kompetenzen in Coaching-Methoden und in Gesprächsführung. Daneben verfügen Life-Coach(innen) über ein klinisches Wissen, das ihnen dabei hilft, allfällige seelische Beeinträchtigungen, die den Coaching-Prozess beeinträchtigen könnten, zu erkennen.
Life-Coaching ist also keine Psychotherapie light , sondern soll in einer komplexen, offenen und globalisierten Welt dem steigenden Bedürfnis der Menschen nach Entfaltung gerecht werden. Klient(innen) möchten Freiräume erkennen und gestalten sowie mehr Lebenszufriedenheit und -qualität dazugewinnen.
Malte Putz, Dr. phil. ,Life-Coach, in Zusammenarbeit mit Dr. Petra Bock, Leiterin der Dr. Petra Bock, Coaching Akademie, Berlin